Künstliche Intelligenz im Finanzbereich: Zwischen Potenzial und Realität – ein Lagebericht
„Künstliche Intelligenz (KI) ist keine Zukunftsmusik mehr – sie ist Realität. Aber sie ist noch nicht überall angekommen, wo sie gebraucht wird.“
Dieser Satz beschreibt sehr treffend die aktuelle Situation, wie sie sich aus unserer jüngsten europaweiten Studie „Future Directions in Finance“ zeigt.
Gemeinsam mit führenden Universitäten Europas haben wir über 500 Finanzverantwortliche aus Unternehmen in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie weiteren Ländern befragt, wie sie KI heute nutzen, wo Hürden liegen – und welche Hebel eine nachhaltige Transformation der Finanzfunktion ermöglichen können.
Die drei großen Lücken: Potenzial, Vertrauen und Befähigung
In der öffentlichen Diskussion herrscht oft eine gewisse Euphorie, was den Nutzen von KI in der Unternehmenspraxis betrifft. Besonders im Finanzbereich gelten KI-Anwendungen wie automatisierte Forecasts, Risikomanagement oder Szenarienanalyse als Paradebeispiele. Doch unsere Daten zeichnen ein differenzierteres Bild: Zwischen dem wahrgenommenen Potenzial und der tatsächlichen Nutzung klafft eine erhebliche Lücke.
1. Wahrgenommenes Potenzial vs. tatsächliche Nutzung
Über 80 % der befragten CFOs sehen große Chancen in KI für zentrale Aufgaben wie Reporting, Planung, Cash Management oder Risikoanalysen. Doch die Realität zeigt: In Bereichen wie Forecasting oder Risikobewertung setzen über 75 % der Unternehmen bislang überhaupt keine KI ein . Dabei wären gerade hier datengetriebene Systeme ideal geeignet, um Unsicherheiten zu reduzieren und Szenarien fundierter zu bewerten. Warum also diese Zurückhaltung? Die Antwort liegt tiefer.
2. Organisatorische Offenheit vs. individuelles Vertrauen
Unsere Befragten berichten mehrheitlich von einer hohen Offenheit ihrer Organisationen gegenüber neuen Technologien. 71 % geben an, dass KI-Experimente gefördert werden und neue Tools willkommen sind. Doch auf individueller Ebene zeigt sich Zurückhaltung: Nur rund die Hälfte der Führungskräfte vertraut den Empfehlungen eines KI-Systems – verglichen mit 80 %, die den Ratschlägen eines menschlichen Experten folgen würden. Am höchsten ist das Vertrauen (91 %), wenn Mensch und Maschine gemeinsam entscheiden. Diese Daten machen deutlich: Die Zukunft liegt nicht in einer vollständigen Automatisierung, sondern im kooperativen Zusammenspiel. KI ist kein Ersatz, sondern eine Erweiterung menschlicher Entscheidungsfähigkeit.
3. Ermutigung ohne Befähigung – ein gefährlicher Spagat
60 % der Mitarbeitenden werden zur Nutzung von KI ermutigt – das ist gut. Doch nur 18 % wurden bislang auch gezielt dafür geschult . Diese Diskrepanz kann schnell zum Problem werden: Wer ohne Anleitung mit generativer KI oder Analysemodellen arbeitet, bewegt sich schnell im Graubereich – fachlich wie regulatorisch. Zudem verfügen über die Hälfte der befragten Unternehmen über keinerlei umfassende KI-Governance.
Fortschritt in Wellen – wo stehen wir wirklich?
Die Einführung neuer Technologien verläuft in typischen Phasen: Zunächst werden bestehende Prozesse effizienter gestaltet, später ergänzt – und erst im letzten Schritt entstehen völlig neue Prozesse oder Geschäftsmodelle. Im Finanzbereich erleben wir derzeit Phase zwei: KI wird punktuell ergänzt, echte Disruption findet jedoch selten statt . Ein gutes Beispiel ist der Bereich der Managementberichterstattung: Hier kommt generative KI bereits häufiger zum Einsatz – etwa zur Textgenerierung von Reports oder zur Visualisierung komplexer Zusammenhänge. Doch in der strategischen Planung, im Business Partnering oder der M&A-Strategie bleibt der Einsatz überschaubar. Das zeigt: KI ist (noch) eine operative Hilfe, keine strategische Instanz.
Der Mittelstand im Schatten der Großen?
Besorgniserregend ist zudem ein wachsendes Gefälle zwischen großen und kleinen Unternehmen. Große Konzerne verfügen über Ressourcen, IT-Kompetenzzentren und dedizierte KI-Teams – der Mittelstand hingegen oft nicht. Während fast 90 % der größeren Organisationen bereits grundlegende GenAI-Kompetenzen aufgebaut haben, liegt dieser Wert im Mittelstand deutlich darunter . Die Folge: Ein digitaler Graben, der langfristig auch zu Wettbewerbsnachteilen führen kann. KI darf kein Privileg der Großen werden – sie muss zugänglich, verständlich und anwendbar sein.
Handlungsempfehlungen für Finanzverantwortliche Was also ist zu tun?
Unsere Studie gibt klare Empfehlungen:
1. Kompetenzen gezielt aufbauen
Technologiekompetenz ist kein Nice-to-have mehr, sondern Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. Investieren Sie gezielt in Weiterbildung – nicht nur für Spezialisten, sondern flächendeckend. Tools wie ChatGPT sind schnell einsetzbar, aber nur sinnvoll, wenn ihre Anwendung durchdacht und verantwortungsvoll erfolgt.
2. Governance und Leitlinien etablieren
KI-Nutzung ohne Regeln ist wie Autofahren ohne Verkehrsordnung. Entwickeln Sie klare Richtlinien zu Sicherheit, Datenschutz und ethischen Fragen. Nur so lässt sich Vertrauen aufbauen – intern wie extern.
3. Use Cases definieren – strategisch und operativ
Fangen Sie dort an, wo der Nutzen sichtbar ist: Forecasting, Cash Management, interne Berichte. Gleichzeitig lohnt sich der Blick in die strategische Dimension: Wie kann KI bei der Szenarienplanung, bei ESG-Analysen oder im Performance Management unterstützen?
4. Mensch-Maschine-Interaktion erproben
Schulen Sie nicht nur Tools, sondern auch neue Rollenbilder: Der Controller der Zukunft ist nicht Datenverarbeiter, sondern Entscheidungsarchitekt – mit der KI als Partner auf Augenhöhe.
Fazit: KI ist ein Transformationsprozess, kein Tool-Update
Unsere Studien zeigen: Künstliche Intelligenz kann die Finanzfunktion tiefgreifend verändern – wenn sie richtig eingesetzt wird. Es braucht dazu nicht nur Technologie, sondern auch Vertrauen, Kompetenz und klare Verantwortung. Wenn wir KI nicht nur als technische Innovation begreifen, sondern als kulturellen Wandel in der Unternehmenssteuerung, dann liegt darin ein enormes Potenzial: für Effizienz, für bessere Entscheidungen – und für ein Controlling, das den Namen verdient.
Die Zukunft der Finanzfunktion wird nicht von Algorithmen geschrieben. Aber ohne sie wird sie auch nicht geschrieben.
Klaus Möller wird bei der RECON 2025 eine Opening Keynote zum Thema "Transformation von Rechnungswesen und Controlling durch Digitalisierung" halten.