• „Musik und Gehirn - ein Pas de Deux“ - Breakfast Briefing mit Oliver Graber

Man müsste Klavierspielen können! Das dachten sich wohl die meisten BesucherInnen an diesem 1. März nach dem Breakfast Briefing mit Oliver Peter Graber. 

Mehr als 100 TeilnehmerInnen waren der Einladung von Business Circle, PwC und RBI gefolgt und lauschten dem spannenden und unterhaltsamen Vortrag des Musikers und Dramaturgen, der beim Wiener Staatsballett als Ballettdramaturg tätig ist. Um unser geistiges Potenzial vollständig zu nutzen, eignet sich nämlich das Blattspielen, insbesondere am Klavier, ganz besonders. „Besser kann man sein Gehirn beziehungsweise die neuronale Plastizität nicht aktivieren“, attestierte Graber. Wenn man in der Kindheit damit beginnt, sind die entsprechenden Effekte stärker ausgeprägt, eine Altersgrenze, um Musik aktiv zu spielen und so das Gehirn mit „Nahrung“ zu versorgen, gibt es aber nicht.

Graber kennt auch die Schattenseiten Musik und führte aus, dass versucht wird, mit dem Einsatz bestimmter Musikstücke Menschen von Orten fernzuhalten. An Bahnhöfen beispielsweise gibt es Projekte, wo durch Musikbeschallung versucht wird, Obdachlose oder Drogenkranke fernzuhalten. Vermittels spezifischer Frequenzen kann man dabei sogar auf bestimmte Altersgruppen abzielen. Frequenzen zwischen ca. 16.000 und 20.000 Hz empfinden beispielsweise nur Menschen bis etwa 20 Jahre als störend, Ältere haben damit kein Problem. Dauerhafte Wiederholung nannte Graber das zweite probate Mittel, um Leute zum Weggehen zu bewegen bzw. „in den Wahnsinn“ zu treiben. In Guantanamo wurde diese perfide Methode eingesetzt. Ein Musikstück, das Presseberichten zufolge dabei besonders oft verwendet wurde, brachte der Vortragende zum Breakfast Briefing mit: Eine einfache Melodie, ein stumpfsinniger Text: „Sie hören, das kann schnell zu Folter werden“, gab Graber zu Bedenken.

"Waffe" Musik

Auch zum Zweck der Propaganda lässt sich Musik einsetzen. Nicht zu verwechseln ist dabei - generell - der Effekt von rein instrumentaler und textgebundener Musik. Das politische Kampflied basiert z.B. auf beidem. Die Textwirkung und bestimmte musikalische Parameter können ein gewisses, eben auch politisches Verhalten, triggern. Zur Veranschaulichung nannte Graber ein Beispiel aus dem Arbeitsbereich der Dramaturgie: Bestimmte Herrscher in der Geschichte waren der Meinung, im Theater dürften Werke nicht tragisch enden.

Von Anfang bis zum Ende

Werden künstlerische Hochleistungen vollbracht, stellt sich die Frage: Ist das angeboren? Graber zitierte zwei Studien, die diese Frage beantworten. So haben WissenschafterInnen 2005 den so genannten „Dance-Phenotype“ nachgewiesen. Das bedeutet, dass im Fall des Tanzes das Talent also genetisch prädisponiert ist. Für die Musik wurde 2016 ein vergleichbarer Befund beschrieben. Trotzdem lässt sich festhalten: „Genetik ist nicht alles. Man kennt Beispiele von Zwillingen, wo einer „Weltkarriere“ macht und der andere nicht.“
Der Gehörsinn ist der Sinn, der uns am längsten in unserem Leben begleitet: Ab der 23. Schwangerschaftswoche bis einige Minuten nach dem Tod ist er aktiv. Die Zeit im Mutterleib beeinflusst unser gesamtes Leben. Trotz unterschiedlicher Kultur werden Trommelinstrumente überall verwendet. Warum? Schon im Uterus haben wir es mit einem „Trommelinstrument“, nämlich dem Herzschlag der Mutter zu tun. Verbindungen von Herzschlag und Atmung sind auch geeignet, den Akzentstufentakt (4/4) zu erklären.

Phänomen Neuronale Plastizität

Durch das Training, das wir bereit sind zu investieren, „entscheiden“ wir z.T. selbst, wie sich unser Gehirn verändert. Beschrieben wird das u.a. als Phänomen der strukturellen neuronalen Plastizität. „Die Forschungen sind mittlerweile soweit gediehen, dass man de facto nach einem „Blick“ ins Gehirn sagen könnte, welches Instrument dieser Mensch spielt – selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass er regelmäßig über mehrere Stunden am Tag übt“. Während bei PianisteInnen beide Hände entsprechend feinmotorisch gefordert sind, ist es bei StreicherInnen vor allem die linke „Greifhand“. Die Bewegungen, der rechten „Bogenhand“ sind deutlich „grobmotorischer“ und führen daher nicht in vergleichbarem Masse zu messbaren Effekten neuronaler Plastizität. „Die neuronale Plastizität begleitet Sie das ganze Leben. Wer im Alter zwischen vier und sechs Jahren beginnt, ein Instrument zu lernen, bei dem wird sie sich stärker entwickeln.“ Das „Non plus Ultra“, das das menschliche Gehirn ausführen kann, ist Blattspielen am Klavier. „Hierbei wird ein umfassendes Netzwerk, welches die (Fein-)motorik der Hände und Füße, das Gedächtnis, den Seh- und Gehörsinn, den Tastsinn und so weiter umfasst, aktiviert.“

ProfimusikerInnen hören anders

Die Hirnaktivität verändert sich mit zunehmendem musikalischem Training. „Wenn MusikerInnen zum ersten Mal ein für sie neues Musikwerk hören, reagieren sie anders als NichtmusikerInnen, indem im Gehirn Zentren aktiv werden, die „analytischer“ auf die Musik reagieren, wogegen bei NichtmusikerInnen eher Zentren aktiviert werden, die emotionaler Reaktionen repräsentieren.“ Sprache und Musik sind zu großen Teilen im selben „Netzwerk“ im Gehirn verankert, MusikerInnen fällt es daher auch leichter die emotionalen Anteile in der Sprache zu erkennen. Die bewussten Nuancen der Dynamik werden bewusster wahrgenommen, das Gegenüber wird „emotional“ besser verstanden.

„Die Dynamik macht die Musik“

Spannende Studienergebnisse zitierte Graber in seinem Vortrag auch in Bezug auf die Dynamik in der Musik. Während diese im Bereich der klassischen Musik eine große Rolle spielt, stellt sie sich bei anderen Musikstilen, darunter Pop, im Zuge des so genannten „loudness war“ durch technische Methoden reduziert dar. Mit teilweise fatalen Auswirkungen: Trainieren wir das Hinhören der Dynamikunterschiede nicht mehr, so kommt uns die Sensibilität dafür abhanden. Damit einher geht, dass wir auch an Empathie abbauen. In diesem Kontext meldete sich auch ein englischer Richter zu Wort, dass Jugendliche als Schöffen ungeeignet wären, da ihnen die Fähigkeit des Zuhörens vor allem über längere Zeiträume mittlerweile fehle.
Mittels Herzratenvariabilitäts-Messung (HRV), die auch Aussagen über die Atemaktivität zulässt, haben WissenschafterInnen nachgewiesen, dass das Publikum in Reaktion auf Musik „synchronisiert“ atmet. „Die Phrasierung – das musikalische Ein- und Ausatmen – von Wolfgang Amadeus Mozart führt etwa dazu, dass seine Kompositionen über Jahrhunderte hinweg die Atmung des gesamten Publikums „fernsteuern und synchronisieren“ kann. Gänsehaut – das Konzerterlebnis schlechthin – entsteht auch dann, wenn sich alle synchronisieren“, klärte Graber auf. Kompositionen wirken sich auch unterschiedlich auf DirigentInnen aus, ein Werk von Johann Strauss Sohn verursachte bei einer Probe, die mittels HRV vermessen wurde, mehr Stress als ein Werk von Johann Sebastian Bach. Untersucht wurde an der Wiener Staatsoper auch der Stresslevel der Holzbläsergruppe des Orchesters bei Repertoirewerken. „Die Zauberflöte verursachte dabei den größten Stress. Warum? Professionelle OrchestermusikerInnen schätzen Neues, häufig Bekanntes auf höchstem Niveau zu spielen, macht Druck.“

Jede/r sollte sich Musik zu Nutze machen

Der Vortragende verabschiedete sich mit einem selbst komponierten Stück – nicht ohne dem Publikum vorher noch einen Rat mit auf den Weg gegeben zu haben: Es ist wissenschaftlich vielfach belegt, dass Musik zur Verbesserung kognitiver Leistungen führt. Passives Zuhören allein zeigt allerdings keinen vergleichbaren Nutzen, soweit es die messbare neuronale Plastizität betrifft. Wer sich Musik als „Gehirnnahrung“ vollkommen zu Nutze machen möchte, muss daher aktiv werden. Und dafür, so Graber, ist es niemals zu spät!

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