Die Rolle des CFOs in Zeiten des Wandels

Anders Indset ist Wirtschaftsphilosoph und Vortragender am CFO Forum am 19. / 20. April. Vorab zu seinem Vortrag am 19. April hat er uns ein Interview gegeben.

In Ihren 10 Postulaten des Wandels sprechen Sie über “Die Kunst des klaren Denkens” und wie man Menschen in Zeiten des Wandels mitnehmen kann. Welche Rolle spielt hier der neue CFO? Welche Skills muss er beherrschen?

Anders Indset: ​Die CFOs sind heute viel mehr zu Problemlösern geworden. Die Anforderung ist, neue Fragen zu stellen, alles zu hinterfragen. Es ist ebenso wichtig, und das betrifft alle Führungskräfte, eine bessere Selbsterkenntnis zu entwickeln, ein größeres Bewusstsein dafür, was man gut kann, was man vielleicht nicht beherrscht und wie man von anderen Menschen wahrgenommen wird. Es sollte nicht nur ein jährlichs Financial-Audit geben, sondern mindestens einmal pro Jahr sollten auch alle ein Self-Audit machen. Sie sollten sich mindestens einmal im Jahr selbst spiegeln. Der neue CFO ist nicht mehr, oder nicht nur, der “Number Cruncher”, sondern ein Gestalter des Wandels und auch ein Kurator des Mitgefühls.

Ist das nicht eher die Rolle der CEOs, und können CFOs mit einem solchen “Anforderungsprofil” überhaupt etwas anfangen?

Anders Indset: ​Die hohe Komplexität und Geschwindigkeit fordert vom CFO eine plausible und validierte neue Weltanschauung, er erwartet mehr Chaos und auch gleichzeitig mehr Stabilität. Dies zu meistern gelingt nur mit starken menschlichen Beziehungen. Er braucht selbst eine hohe Affinität und Neugierde für die neuen Technologien, er muss das lebenslange Lernen vorleben und auch Schwäche zeigen, wenn erforderlich. Und er muss auch das “Fehltastische” in anderen Menschen akzeptieren und zulassen. Es geht also heute viel mehr darum, dass er sich ein Team mit “analytischen Wizards” zusammenstellt, die es verstehen, “Right Data” statt nur “Big Data” zu produzieren und auch alles verbinden können. Die technologische Verbindung ist wichtig, aber viel mehr noch die menschliche. Es geht darum, Talente zu suchen, aufzubauen und zu behalten. Es geht darum, ein diversifiziertes Team zu bilden, von intrinsisch motivierten Mitgliedern, die zur Spitzenqualität angetrieben werden. Gelingt das, wird der CFO ein natürlicher Entscheidungsträger und Anhaltspunkt in turbulenten Zeiten und einem politisch unsicheren Umfeld, ein Gestalter des Wandels eben und nicht ein Bewahrer oder Verwalter. Er wird der “Go-To-Guy”, wenn es um das “große Ganze” geht, er ist der Visionär im Führungsteam, mit einem Auge für die Zukunft durch neue Fragen und neue mögliche Szenarien.

DER CFO IST DER GESTALTER DES WANDELS, JETZT MUSS ER ZUM KURATOR DES MITGEFÜHLS WERDEN, DANN IST ER DER BEST-BUDDY DES CEO UND WIR KÖNNEN ARBEITEN

Und hier kann uns die Philosophie helfen?

Anders Indset:​ In 10 Jahren sind nicht die Software-Ingenieure gefragt, sondern Philosophen. Wir sehen bereits heute, dass Tech CEOs in Silicon Valley Philosophen anheuern, um alles zu hinterfragen. Die Philosophie ist dann zur Stelle, wenn der “Bullshit” nicht mehr geduldet werden kann, und es gibt heute sehr viel Bullshit im Business. Gefragt sind kritisches Denken, Plausibilität und Validierung. Der Druck in Teams zu arbeiten wächst, denn alleine können wir heute nichts wissen und nichts gestalten. Wir müssen mit Menschen umgehen können, Probleme im Dialog lösen und die Kommunikation beherrschen. Ebenso werden, wenn wir Ende 2018 die ersten großen Einflüsse der implementierten künstlichen Intelligenz erleben und viele Menschen nichts mehr zu tun haben, neue Ansätze benötigt. Unternehmen mit einer starken Kultur, getrieben durch Kreativität und mit einem starken Fundament in Ethik und Moral, werden die Gewinner sein. 


In all dem können wir viele der Gedanken der großen Vordenker unserer Geschichte finden. Es geht nicht darum, das alles auswendig zu lernen und die zum Teil sehr komplexen Werke im Detail zu durchforschen, sondern es geht heute darum, die Philosophie anwendbar und simplifiziert auf das 21. Jahrhundert zu projizieren. Wir brauchen eine praktische Philosophie, in der wir die Schätze aus unserer Geschichte lernen und für das “Heute” anpassen. Was würden z.B. diese großen Vordenker heute denken, wenn sie unsere Ausgangssituation hätten, unsere Modelle und unsere Technologie? Die erforderlichen Skills für das 21. Jahrhundert finden wir zum größten Teil verankert in der Philosophie. Jetzt lernen wir eine neue ​praktische Philosophie und wie wir sie anwenden können, um unser Leben, unser Unternehmen und das Leben der Menschen in unserem Umfeld, seien es Kunden oder Mitarbeiter, besser zu gestalten.

Sind wir überhaupt dafür bereit?

Es verändert sich derzeit etwas. Wir stehen am Anfang einer Bewusstseins-Revolution. Vielleicht brauchen wir neue Modelle oder einen radikalen Neustart in einem neuen System, das können wir nicht ausschließen. Wir sollten uns aber mit vielen dieser Themen bereits heute beschäftigen - einen “Soft-Übergang” eben zu einer Art “emotionalen Revolution” oder einem bewussteren Zustand, wie wir leben. Für den heutigen CFO ging es im hierarchischen System auf dem Weg “nach oben” zu 80% um Technik und Zahlen, und zu 20% um Führung (Leadership) und Menschen. “Angekommen an der Spitze” ist das genau andersherum. Wir müssen heute Zeit investieren, um diese Skills zu lernen. Viele nehmen das noch viel zu sehr auf die leichte Schulter. Es ist genauso eine bewusste und harte Arbeit, wie die XLS-Sheets und den Zahlenwahn zu durchforschen. Wir müssen hierfür Zeit investieren, es gibt noch sehr viel Potenzial, das wir derzeit nicht ausschöpfen.

Sie wurden kürzlich von den „Thinkers50“ in die Liste der 30 globalen Vordenker aufgenommen und sind der einzige Ausgezeichnete im deutschsprachigen Raum. Was bedeutet Ihnen ein solcher Titel?

Der deutschsprachige Raum hat große Tradition, wenn es um Dichter und Denker geht. Zwar bin ich gebürtiger Norweger, lebe aber seit 19 Jahren in Deutschland und es ist natürlich eine große Ehre, den deutschsprachigen Raum zu repräsentieren. Es ist ebenso schön, dass die Arbeiten geschätzt werden, mein Antrieb liegt jedoch unabhängig hiervon in täglicher Neugierde und Lernen, in der Suche nach plausiblen Erklärungen und neuen Problemen und Fragen. Eine solche Anerkennung ist aber natürlich noch ein weiterer Motivationsfaktor. 

Blockchain, CryptoWährung und FinTechs. Das sind die Gamechanger der Finanzbranche, sagen und schreiben viele. Was halten Sie davon?

Es ist 1994, wir erleben Netscape 1.0. Es war die Rede von Dezentralisierung, Demokratie und Freiheit für alle. Das Internet sollte das Allheilmittel sein. Was haben wir heute? Genau das Gegenteil. Heute soll es Blockchain richten. Die Entwicklung in KI oder AGI (Artifical General Intelligence) und auch die Entwicklung mit Blockchain und Kryptowährung können sogar dazu führen, dass sich die Netokratie verstärkt. Vielleicht werden dann vorhandene oder neue Netokraten in 10-15 Jahren sogar zu Trilliardären.

Für mich ist Bitcoin die größte Blase unserer Geschichte. Die Korrektur im Januar war nur ein Vorgeschmack. Ich glaube definitiv an die Kryptowährung. Sie ist gekommen, um zu bleiben, und das ist auch positiv. Aber wir werden sehen, dass es nicht gegeben ist, dass der Erste den Markt dominieren wird und auch am Ende der Gewinner ist, wie es auch mit Napster und MySpace und den vergangenen Entwicklungen passiert ist. Wenn die Studenten die Kurse von Bitcoin und Ether studieren, und die Taxifahrer mir erklären, wie Bitcoin funktioniert, deutet alles darauf hin, dass wir bald eine kräftige Korrektur bekommen werden. Theoretisch kann der Preis von Bitcoins im Laufe der nächsten ein bis zwei Jahre auf 50.000$ oder 60.000$ steigen, aber vermutlich wird es dann kollabieren. Die Marktkonsequenzen werden radikal sein, weil wir sie mit den anderen Wirkkräften des Wandels paaren, die in vollem Schwung sind. Wenn wir näher Richtung 2020 kommen, können wir den Anfang einer großen wirtschaftlichen Krise sehen, die wahrscheinlich schlimmer ist als die letzte Finanzkrise. Der Markt wird selbst dafür sorgen, dass die Blase platzt, oder es wird durch eine erforderliche globale Regulierung erzwungen. In letzter Zeit sehen wir eine Explosion von Start-up-Unternehmen, die Tokens in einem sogenannten Initial Coin Offering (ICO) austeilen. Hat man traditionell Aktien für das investierte Kapital bekommen, so bekommen jetzt Investoren beispielsweise Kryptowährung mit einem eingebauten Mechanismus an zukünftige Services oder bei zukünftigen Gewinnen etwas zu erhalten. Schaut man sich die Summe dessen an, was an Cash-Dienstleistungen versprochen wird, was immer das sein mag, so ist es einfach zu sehen, dass es viele viele Enttäuschungen geben wird. Der Verlierer ist der Bürger auf der Straße, weil es sich auch heute mehr um ein Lottospiel handelt, wetten auf die Zukunft eben. 

Wir brauchen aber Anhaltspunkte und einen solchen Antrieb. Das “Buzzword-Bingo” hilft uns dabei weiter zu kommen, auch wenn Korrekturen sehr schmerzhaft sein können. Statt mit sogenannten FinTech zu versuchen, die Bank von morgen zu finden, sollten Finanzinstitute sich eher mit Fragen beschäftigen wie “Brauchen wir in Zukunft überhaupt eine Bank?” und “Heute habe ich starke Relationen zu Menschen, was benötigen diese Menschen, was ich aus dem heutigen Vertrauensverhältnis anbieten kann?”. Wir brauchen eine neue Sichtweise auf die Welt, sicherlich sind nicht (alle) Antworten für die heutigen Finanzinstitute in einem FinTech-Accellerator irgendwo in einer selbsternannten Marke für neue “Start-Ups”.

Haben Sie noch Wirtschaftsprognosen für das Jahr 2018? - Wo geht die Reise hin? 

Wir wissen inzwischen, dass Moore’s Law abflacht und dass das Ende des Siliziums naht. Darauf folgt in 2018 ein quantentechnologischer Durchbruch. Dieser führt zu einer Intelligenzexplosion. Davon bin ich überzeugt. Es kommt zu einer exponentiellen Beschleunigung der Intelligenz in den vorhandenen Algorithmen, und wir werden herausfinden, dass es keinen einzigen Job gibt, der sich nicht theoretisch in einem Algorithmus abbilden lässt. Das Problem dabei ist, dass wir Menschen keine emotionale Reaktion zu dieser Entwicklung haben. Wir lieben Science Fiction und wir feiern Filme wie Deus Ex Machina. Wir haben eine Reaktion und eine Relation dazu, was wir machen und was mit diesem Planeten passiert, wenn wir Bilder oder Filme von Menschen sehen, die unter Hungersnot oder Krankheiten leiden. Aber zu der Entwicklung von Science Fiction und Technologie oder genauer gesagt AGI (Artificial General Intelligence) haben wir keine emotionale Reaktion.

Alphabet (Google) hat die künstliche Intelligenz in ihrem Unternehmen in den letzten Jahren radikal entwickelt, steckt aber immer noch in den Kinderschuhen, mit einer KI vergleichbar mit der Intelligenz eines 6-jährigen Kindes. Sie braucht aber keine weiteren 12 Jahre, um erwachsen zu werden. Geben wir KI noch drei bis fünf Jahre, dann ist sie vergleichbar mit dem IQ eines erwachsenen Menschen. Wir können uns z.B. die aktuelle Geschwindigkeit der Entwicklung von Google Alpha Zero anschauen. Das Programm hat gegen sich selbst vier Stunden lang Schach gespielt und führte 44 Millionen Partien durch, ohne irgendwelche Ressourcen in Theorien, Eröffnungen oder andere Schachregeln zu investieren. Das Ergebnis war, dass es dann in 100 Spielen gegen Stockfish, den sogenannten Supercomputer im Schach, 28 mal gewonnen und 72 mal Remis gespielt hat. Dieser Computer wurde über mehr als 10 Jahre mit allen Theorien und Inhalten entwickelt. Google brauchte mit dem KI dafür 4 Stunden ohne irgendwelche Vorkenntnisse. Dies ist nur eins von vielen Beispielen dafür, was passieren wird. Das Radikale wird dann aber die Geschwindigkeit der Entwicklung sein, wenn wir durch die Durchbrüche der Quantentechnologie die “nächste Stufe” erreichen. Ich glaube nicht den Menschen, die sagen, dass die künstliche Intelligenz mehr Arbeit schaffen wird als wir verlieren. Selbstverständlich müssen wir auch Menschen in die neuen Technologien einlernen und sie befähigen diese zu nutzen, aber bereits Ende 2018 werden wir eine radikale Entlassungswelle erleben in Industrien wie zum Beispiel Bank, Finanz, Energie und Automobil.

Weiter sehe ich, dass die Komplexität der Welt transparent wird. Dies erleben wir auch 2018.

Menschen werden ängstlicher, weil sie die Zusammenhänge nicht verstehen.

Das Risiko besteht darin, dass dies zu einem populistischen Aufblühen führen kann, wo der Dumme vor Selbstbewusstsein strotzt und der Intelligente sich zurückzieht, weil er unsicher und ängstlich wird aufgrund der hohen Komplexität unserer Welt. Das ist natürlich für die aktuelle Aufrechterhaltung der “Pseudo-Demokratie” in vielen Regionen keine gute Nachricht.

Die Konsequenz der aktuellen Entwicklung ist, dass wir neue Systeme für Politik, Bildung und vielleicht das gesamte wirtschaftliche System finden müssen. Wir brauchen neue Produkte, neue Lösungen, und wir brauchen ganz neue Fragen und Problemstellungen. Es wird auch ein Ende der Illusion geben, dass wir ein ewiges Wachstum erleben werden. Eine solche Prognose sollte uns aber nicht ängstlich machen, denn es kommt immer anders als wir uns vorstellen. 

Es sollte uns aber bewusst machen, dass wir an diesen Themen arbeiten und die aktuelle Entwicklung ernst nehmen sollten. Die Welt von morgen ist definitiv keine lineare Projektion auf das was war, sie muss aber trotzdem gestaltet und improvisiert werden. Deswegen brauchen wir mehr Gestalter des Wandels und Kuratoren des Mitgefühls. Es gibt sehr viele spannende Opportunitäten, aber der Homo Sapiens ist weder gesetzt noch gibt es eine vordefinierte Logik, dass alles einfach funktionieren wird. Wir müssen die/eine Zukunft gemeinsam kreieren.

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Bildnachweis: © Pexels, Anders Indset

Kosima Kovar

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